Informationsmanipulation: Intelligenz der Masse? – Die Qualitätskontrolle auf Wikipedia hält einer Prüfung nicht stand

Alle lieben Wikipedia. Die Gymnasiastin, die den obligaten Vortrag über Frischs Homo faber halten muss; der Journalist von Blick am Abend, der ein spektakuläres Foto aus dem syrischen Bürgerkrieg noch mit einige Hintergrundinformationen über die Nusra-Front bereichern möchte; die Romtouristin, die den Reiseführer im Hotelzimmer liegen lassen hat; der Politiker, der über einer Rede zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg brütet; der Geschichtsstudent, der eine Semesterarbeit über den 6-Tage-Krieg verfasst.

 

Für die meisten von uns ist die Freie Enzyklopädie aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Doch handelt es sich bei Wikipedia um eine zuverlässige Informationsquelle? Kann sie sogar als Quelle für wissenschaftliche Arbeiten genutzt werden? Verfechter der Online-Enzyklopädie schwärmen vom Korrekturpotenzial der vielen Nutzer. Die „Weisheit der Vielen“ korrigiere falsche Informationen umgehend. Die Wiki-Community betreibe eine effiziente Selbstkontrolle, die keine Fehler zulasse und bei jedem Akt von Vandalismus rigoros einschreite. Im Gegensatz zu den traditionellen Print-Enzyklopädien wird die Qualitätskontrolle also von einem Herausgebergremium an die Nutzer delegiert. So entsteht eine neu Art von Expertentum, das nicht in einer Person verkörpert sondern in einem Prozess konstituiert wird.

 

Ein einfaches Experiment

Doch funktioniert das auch? Im Herbstsemester 2013 wollte ich mit meinen Geschichtsstudenten an der Universität Zürich die Probe aufs Exempel machen. Die Bachelorkandidaten erhielten deshalb den Auftrag, im Wikipedia-Eintrag zu jener Revolution, über die sie später eine Semesterarbeit verfassen sollten, falsche Informationen einzuschleusen. Ziel des vandalistischen Experiments war es, den viel gelobten Kontrollmechanismus zu testen und herauszufinden, wie lange die Wiki-Community braucht, um die Fehler zu berichtigen. Um es vorwegzunehmen: Wikipedia können keine Bestnoten verteilt werden. Die Community war nur selten wiki (hawaiisch für „schnell“) beim Entfernen der Falschinformationen.

Eine der Ausnahmen bildete der Eintrag zur Rivoluzione cubana in der italienischen Wikipedia, wo Alessandra behauptet hatte, dass der Sturz von Diktator Fulgencio Batista Anfang 1959 Raul Castro an die Macht gebracht habe. Innerhalb von nur einer Minute war wieder sein Bruder Fidel der rechtmässige Anführer der Kubanischen Revolution. Im Gegensatz zur italienischen oder auch der englischen Ausgabe muss jede Änderung eines Eintrags in der deutschen Wikipedia zunächst von einem Administrator gesichtet werden, ehe sie für alle Nutzer sichtbar wird. Eine schwere Hungerkrise im Südosten des Iran, die angeblich den politischen Aufstieg Chomeinis unterstützt hatte, wurde beispielsweise vom Administrator Beademung innerhalb von neun Minuten aus dem Eintrag Islamische Revolution gelöscht. Die Begründung wusste jedoch nicht vollständig zu überzeugen: Die Hungerkrise – von meinen Studenten ja völlig frei erfunden – sei nicht entscheidend für den Verlauf der Revolution gewesen.

 

Zwischen scharfer Sanktion und Nachlässigkeit

Leo machte ein Wikipedia-Erlebnis der speziellen Art: Er wurde wegen „unsinniger Bearbeitungen“ als Autor gesperrt, eine Minute nachdem er im Eintrag Geschichte der Republik Ägypten den amerikanischen Geheimdienst CIA anstelle von muslimischen Extremisten für die Ermordung von Staatspräsident Anwar as-Sadat im Jahr 1981 verantwortlich gemacht hatte. Die Verwandlung des antifaschistischen Protestsängers Zeca Afonso, dessen Lied „Grandola, Vila Morena“ als Fanal der portugiesischen Nelkenrevolution gewirkt hatte, in den antifaschistischen Punksänger Zeca Afonso wurde nach etwas mehr als einem Tag und damit ebenfalls noch innert leidlicher Frist rückgängig gemacht. Alle übrigen falschen Informationen, absurden Erfindungen und Geschichtsmärchen, die wir in die Freie Enzyklopädie geschmuggelt hatten, befanden sich Ende des Semesters, ganze sechs Wochen nach Beginn des Experiments, noch immer unverändert auf Wikipedia – in den deutschen Einträgen von einem Administrator gesichtet und für wikitauglich befunden. Der Putsch des marxistischen Derg gegen Herrscher Haile Selassie, der den äthiopischen Bürgerkrieg lancierte, fand so gemäss dem englischen Eintrag Ethiopian Civil War am 16. Januar 1974 statt. (Die herkömmliche Geschichtsschreibung datiert den Staatsstreich auf den 12. September 1974.) Und im deutschen Eintrag Pariser Kommune war zu lesen, dass in den Tagen der Kommune im Frühjahr 1871 die Guillotine auf der Place Voltaire in einem symbolischen Akt mittels Schwert zerstört worden sei. Mel Brooks hätte an der Phantasie von Autor Michael seine Freude gehabt, die historische Wirklichkeit ist aber doch etwas prosaischer. Die Guillotine wurde nämlich verbrannt.

 

Überraschende Wende in Chile

Erstaunliches konnte man Ende 2013 auch im Eintrag Geschichte Chiles zum Übergang des südamerikanischen Landes zur Demokratie erfahren. Im Oktober 1988 hatten sich knapp 56 Prozent der Chilenen in einer Volksabstimmung gegen eine weitere Amtszeit von Präsident Augusto Pinochet ausgesprochen und die Militärjunta hatte das Verdikt des Volkes zähneknirschend akzeptiert. Im Film No mit Gael Garcia Bernal waren die Geschehnisse rund um das Referendum 2012 noch unterhaltsam nachzuverfolgen. Auf Wikipedia dagegen las sich die Geschichte zuletzt etwas anders: „Am 5. Oktober 1988 stimmte bei einer von der Verfassung Chiles vorgesehenen Volksabstimmung eine Mehrheit von 78,39% für eine weitere achtjährige Amtszeit Pinochets. Erst als bemerkt wurde, dass aufgrund Bedrohungen von Amtspersonen die Abstimmungsresultate beeinflusst wurden, wurde am 17. Oktober 1988 die Abwahl Pinochets bekannt gegeben. Wie sich herausgestellt hatte, waren bei der ersten Abstimmung 65,99% gegen eine Wiederwahl Pinochets gewesen. Nach der neuen Abstimmungsrunde mit einer Mehrheit von nun 67,85% wurde gegen eine erneute Amtszeit Pinochets entschieden.“ Isabelle und Lukas hatten dreist den Ausgang des Plebiszits gedreht, eine zweite Abstimmungsrunde geschaffen und damit die jüngste Geschichte Chiles neu geschrieben.

 

Note: ungenügend

Meine Lieblingsmanipulation geht allerdings auf das Konto von Pau und Ladina. Im Eintrag Mexikanische Revolution benannten sie die vom Regime des mexikanischen Präsidenten Porfirio Diaz betriebene Politik des „pan o palo“ (Zuckerbrot oder Peitsche) kurzerhand in „pau o ladina“ um. Selbstverständlich ist die Stichprobe unseres Experiments viel zu klein, um eine wissenschaftliche Aussage über die Effektivität der Qualitätskontrolle durch die Nutzer zu machen. Nichtsdestotrotz: Bezüglich Korrekturpotenzial der Masse und der Quellenfähigkeit von Wikipedia, zumindest in einem akademischen Rahmen, sind berechtigte Zweifel angebracht.

Adrian Hänni

Veröffentlicht unter VSN-Bulletin

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