China und die Spratley Inseln – Ein Überblick

von Philipp Hauenstein und Maj Lukas Hegi, Vorstand VSN

Dieser Artikel soll die Informationen zusammenführen, die derzeit zu den Inselaufschüttungen Chinas im südchinesischen Meer verfügbar sind. Die VSN-Redaktion möchte hiermit ein kompaktes Bild der Bestrebungen und Ereignisse rund um die Landgewinnung aufzeigen.

Seit etwa einem Jahr sind vermehrt Berichte zur Landgewinnung Chinas im südchinesischen Meer, vor allem im Raum der Spratley Inseln, zu lesen. Doch was verbirgt sich dahinter? An dieser Stelle muss vorausgeschickt werden, dass es sich bei den hier verarbeiteten Informationen, um solche aus westlichen, beziehungsweise vorwiegend amerikanischen Quellen handelt. Dies ist insofern wichtig, als dass die Interpretation der Absichten Chinas, immer vor dem Hintergrund der strategischen Neuausrichtung der Vereinigten Staaten auf den asiatischen Raum („Asian Pivot“) gesehen werden müssen.

Auf etwa 3.7 Millionen Quadratkilometern sind im südchinesischen Meer hunderte von kleinen Inseln, Riffen und Atollen verstreut. Die Spratley Inseln sind eine Gruppe davon, welche aus rund einhundert Atollen, Riffen und kleinen Inseln bestehen. Sie liegen geographisch etwa auf der Höhe einer Linie zwischen dem südlichen Vietnam und der südlichen Insel der Philippinen. China, Taiwan, Vietnam, Malaysia und die Philippinen haben einzelne davon besetzt. Die ersten drei Staaten beanspruchen die Gesamtheit der Inseln als ihr Territorium, während die letzten beiden sowie Brunei einen Teil davon für sich reklamieren. Sie alle begründen ihre Ansprüche mit einer Mischung aus völkerrechtlichen Ansprüchen und historischer Legitimation.[1]

Übersicht überdie verschiedenen Besitzansprüche auf die Spratly-Inseln Quelle: http://amti.csis.org/island-tracker/

Übersicht überdie verschiedenen Besitzansprüche auf die Spratly-Inseln Quelle: http://amti.csis.org/island-tracker/

Das südchinesische Meer ist das Zentrum Asiens. Mehr als die Hälfte des globalen Handelsvolumens und etwa ein Drittel aller Schiffsbewegungen weltweit führt durch dieses Meer.[2] Das entspricht einem Wert von rund 5, 3 Trillionen US$, wovon der bedeutendste Teil auf fossile Brennstoffe entfällt.[3]

Die nächste Frage lautet: Warum setzt China mehr als 500 Meilen entfernt vom Festland der Volksrepublik solche Massnahmen durch, die? Und warum tut es das gerade jetzt?

Ein erfolgreiches Aufschütten und Erstellen von Häfen, Landepisten und Funktionsgebäuden gestattet es, einen Teil der dortigen See für eigene Zwecke zu nutzen, was bis jetzt nahezu ausser Reichweite lag. Laut Dr. Mira Rapp-Hooper (Direktorin der Asia Maritime Transparency Initiative am Center for Strategic and International Studies in Washington) geht es China dabei weniger um die Förderung von Bodenschätzen auf dem umliegenden Meeresgrund oder um die Fischereigründe als vielmehr darum, seine Territorialansprüche zu bekräftigen.[4] Die Inseln selbst sind zumeist zu klein um grössere Militäreinheiten zu stationieren, doch sie sind ausreichend gross, um dauerhafte Luft- und Seepatrouillen von dort aus zu ermöglichen. Die USA berichten ausserdem von Sichtungen mobiler Artillerie der Chinesen in der Region und glauben, dass die Präsenz auf den Inseln China dabei hilft, mehr Kontrolle über die Fischerei in der Region auszuüben.

Das Besondere an den Meldungen rund um Chinas Aktivitäten ist laut Dr. Rapp-Hooper, dass China sich nun an einem Punkt befindet, an dem es bei vielen Projekten von der Aufschüttungsphase in die Bauphase wechselt. Allein das Bekräftigen dieser Statusmeldung in einer öffentlichen Stellungnahme im Juni 2015 markiert einen deutlichen Wechsel im diplomatischen Ton und unterstreicht Chinas Anspruchsgedanken bezogen auf die Spratley Inseln.[5]

Gleichzeitig versucht China generell im strategischen Sinne aufzuholen. Es hat sich viel zu spät in den vor Ort stattfindenden Landgewinnungsmarathon eingeschalten. Zitat von Sean O’Connor (Hauptanalytiker bei IHS Jane’s): “Strategically speaking, China is feeling left out“[6]. Bezüglich des Aufschüttens selbst, so haben Vietnam (Spratley Insel), Malaysia (Swallow Riff), die Philippinen (Thitu Insel) und Taiwan (Itu Aba) ihre Inseln in den Spratleys alle in den letzten Jahren vergrössert. Doch die Aktivitäten Chinas sind in Bezug auf die Dimensionen der Vorhaben am grössten und stellen die Ambitionen der anderen Staaten in den Schatten. Seit Januar 2014 hat China insgesamt 8,1 Qudratkilometer Landfläche hinzugefügt und hat damit die Gesamtfläche um das mehr als Vierhundertfache vergrössert. Und es tut dies mit beachtlicher Geschwindigkeit, wenn man bedenkt, dass es bis Beginn dieses Zeitraums gerade mal 500 Quadratmeter hinzugewonnen hat.[7] Dies brachte den Staatssekretär der USA, Ashton B. Carter, dazu, Chinas Aktionen in der Region zu kritisieren. [8]

Für China ist das Fiery Cross Riff das Projekt mit der grössten strategischen Bedeutung. Die nahezu fertiggestellte Landebahn von 3000 Metern wird lange genug sein, um China dort alle zur Zeit im Einsatz stehenden Flugzeugtypen starten und landen zu lassen – vom Kampfjet bis zum Schwerlasttransportflugzeug. Chinas Piste ist nicht die erste in der Region beziehungsweise andere Länder besitzen ähnliche Einrichtungen, doch mit wesentlich eingeschränkteren Landekapazitäten. Die Anlagen bzw. Inseln, die China nun durch Aufschüttungen vergrössert, fussen vor allem auf Strukturen die China bereits vor Jahren in Besitz nahm und dort kleinere Funktionsgebäude (z.B. Radaranlagen) errichtete. Auf dem Fiery Cross Reef zum Beispiel errichtete es 1988 unter dem Vorwand eines UNESCO Projekts zur Meeresbeobachtung einen Posten, der angeblich zu wissenschaftlichen Zwecken genutzt wurde. Es besteht seit langem der Verdacht, dass dort nicht nur Fische und die Meeresfauna untersucht wurden, sondern auch ein SIGINT-Posten betrieben wurde. Inzwischen wurde um den Posten eine Insel mit einer Länge von 3000 Metern und einer Breite von 200 bis 300 Metern aufgeschüttet.

China legitimiert seine Erweiterungen nun damit, dass es nur darum gehe, bereits existierende Einrichtungen zu vergrössern, ähnlich wie dies andere Länder in anderen Regionen handhaben. Zwei weitere Grossprojekte am Mischief und am Subi Riff werden derzeit von China mit grossen Anstrengungen vorangetrieben. Es ist unklar, welche Strukturen dort aufgebaut werden sollen, doch lassen die Dimensionen die Vermutung zu, dass es sich um Flugfelder handelt.[9]

Taktisch gesehen bedeutet ein Flugfeld wie das auf dem Fiery Cross Riff, dass China seine situative Wahrnehmung und Bereitschaft sehr stark verbessern kann. Es erlaubt die Stationierung von Marine-Aufklärungsflugzeugen, kann als Basis für Trainingszwecke dienen und erlaubt auch Kampfjets auf Rotationsbasis.[10] 650 Meilen vor Chinas südlichster Position, der Hainan Insel, wird China dadurch in die Lage versetzt Patrouillen oder auch limitierte offensiv ausgeprägte Operationen durchzuführen, welche gegen diejenigen gerichtet sein können, die Chinas Ansprüche im südchinesischen Meer streitig machen oder gar in Konfrontation mit US-Einheiten gebracht werden könnten.[11]

Das Fiery Cross Riff hat eine Landebahn welche lang genug ist, damit ein chinesischer H-6G Bomber (Lizenzversion des russischen Tu-16 Bombers, bekannt unter dem NATO-Code Badger) landen könnte. Von dort aus hätte dieser einen Operationsradius von 3’500 Meilen.[12] Die chinesischen Kampfjets der vierten Generation vom Typ Shenyang J-11 (in Lizenz gebaute und später weiterentwickelte Version des russischen Su-27 Jagdflugzeugs) hätten einen Einsatzradius von 870 Meilen.[13]

Land reclamation at Vietnam’s Sand Cay. Image by DigitalGlobe, via CSIS Asia Maritime Transparency Initiative

Chinas President Xi Jinping hat unterstrichen, dass China seine Ansprüche im südchinesischen Meer unmissverständlich zustehen, gleichzeitig aber nicht bestrebt ist, gegen irgendjemanden Krieg zu führen.[14] Trotzdem ist das Errichten von Basen mit grossen Kapazitäten für Luftstreitkräfte ein klares Zeichen „wie jemanden mit dem Ellenbogen beiseite zu schieben“[15] (Umschreibung von Timothy Heath von RAND), um den Anspruch zu untermauern und bei Streitigkeiten entsprechend gewappnet zu sein – egal gegen wen. Hauptgegner aus chinesischer Sicht dürften aber die USA sein. Darauf lassen zwei Tatsachen schliessen. Zum ersten die militärischen Kräfteverhältnisse. Chinas Streitkräfte übertreffen in Grösse und Ausrüstung alle anderen Mitkonkurrenten in diesem Raum. Zum zweiten hat China bei der Rüstungstechnologie und der Konzeption einen grossen Schritt gemacht. Chinas Doktrindokumente beschreiben eine dem amerikanischen anti-access/area denial (A2/AD)-Konzept ähnliche Operationsweise.[16] Dabei geht es darum einem Gegner den Zugang zu einem Gebiet zu verwehren und seine Bewegungsfreiheit einzuschränken. Dazu sind leistungsfähige Aufklärungsmittel und präzise, weitreichende Waffensysteme notwendig. Über beides verfügt die Volksbefreiungsarmee. Es bleibt zu hoffen, dass eine zukünftige Eskalation ausbleibt, denn eine solche wäre auch für China nur schwer zu kontrollieren.[17]

Die Konflikte um territoriale Ansprüche und Grenzen im südchinesischen Meer sind nicht neu. Sie haben aber etwa seit dem Jahr 2000 an Dynamik gewonnen, die sich seit 2009 weiter beschleunigt hat. Dafür sind drei Themenkomplexe ausschlaggebend: erstens, die historisch-politische Legitimation territorialer Ansprüche; zweitens die wirtschaftliche Nutzung des Meeres im Sinne der Ausbeutung von Bodenschätzen, wie auch der Kontrolle der Seefahrt als Garantie für die Versorgung und wirtschaftliche Prosperität des Landes; drittens, die geostrategische Konkurrenz zu den USA um Einfluss in Asien und die für China daraus abgeleitete Notwendigkeit, seinem Konkurrenten notfalls auch militärisch entgegentreten zu können. Das selbstsichere, aggressive Auftreten Chinas belegt die Veränderung der geopolitischen Verhältnisse. Für die Vereinigten Staaten steht einiges auf dem Spiel. Seine Bündnispolitik und die Sicherheitsgarantien für die Alliierten in Südostasien sind vom ungehinderten Zugang zum südchinesischen Meer abhängig.

[1] Für einen Abriss der historischen Begründungen siehe zum Beispiel Raine, Sarah und Christian La Mière (2013), Regional Disorder-The South China Sea Disputes, Abingdon: Routledge (Adelphi Paper 436-437) S. 35-50.

[2] Robert Kaplan, The Vietnam Solution, The Atlantic, Juni 2012, http://www.theatlantic.com/magazine/archive/2012/06/the-vietnam-solution/308969/ (Stand 17.08.2015).

[3] Raine, La Mière, Regional Disorder, S. 12.

[4] Derek Watkins, What China Has Been Building in the South China Sea, New York Times, 31. Juli 2015, http://www.nytimes.com/interactive/2015/07/30/world/asia/what-china-has-been-building-in-the-south-china-sea.html (Stand 09.08.2015).

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] China’s land reclamation in disputed waters stokes fears of military ambitions, The Guardian, 8. Mai 2015, http://www.theguardian.com/world/2015/may/08/china-land-reclamation-south-china-sea-stokes-fears-military-ambitions (Stand: 17.08.2015).

[8] Watkins, What China Has Been Building in the South China Sea.

[9] Ebd.

[10] Center for Strategic & International Studies, Airpower Projection, http://amti.csis.org/airstrips-scs/ (Stand 09.08.2015).

[11] Ebd.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Video: China’s Airpower from Fiery Cross Reef, Center for Strategic & International Studies, 29.07.2015: https://www.youtube.com/watch?t=512&v=Vsi_nIP2DHI (Stand: 09.08.2015).

[15] Ebd.

[16] Aaron L. Friedberg (2014), Beyond Air-Sea Battle-The Debate over US Military Strategy in Asia; Abingdon: Routledge (Adelphi Paper 444), S. 20-38.

[17] Video: China’s Airpower from Fiery Cross Reef, wie Endnote 14.

Veröffentlicht unter VSN-Bulletin