Härtetest für den Leopard 2-Panzer

Patrick Truffer

Ende August 2016 startete die Türkei die Operation “Schutzschild Euphrat” mit dem Ziel, südlich der türkischen Grenze eine Sicherheitszone zu schaffen. Zusätzlich zum Schutz vor Kämpfern der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS), soll damit auch die Ausbreitung der kurdischen People’s Protection Units (YPG), welche Teil der Syrian Democratic Forces (SDF) sind, westlich des Euphrats und damit langfristig ein zusammenhängendes, den ganzen nördlichen Teil Syriens umfassendes Kurdengebiet verhindert werden.[1]

 

Zu Beginn der Operation unterstützten die türkischen Streitkräfte die Freie Syrische Armee (FSA) bei ihrem Vorstoss mit Luftschlägen, Bogenfeuer und direktem Feuer aus M60T Sabra Kampfpanzern. Mit dem weiteren Operationsverlauf nahm die Beteiligung der türkischen Streitkräfte zu. Seit Anfang Dezember setzt die Armee in der Region der syrischen Stadt al-Bab ein Bataillon mit 45 Leopard 2-Kampfpanzern ein. Dabei gingen möglicherweise bis zu 10 Stück verloren.[2] Damit wird rund um den Leopard 2 ein Unverwundbarkeitsmythos beerdigt, denn weder beim Einsatz im Kosovo noch in Afghanistan kam es zu Verlusten.[3] Die Frage stellt sich nun, ob der Leopard 2 in die Jahre gekommen ist und seine Schutzmassnahmen nicht mehr ausreichen. Was bedeutet dies für die in der Schweizer Armee im Einsatz stehenden Leopard 2?

 

Die Schlacht um al-Bab

Die Operation „Schutzschild Euphrat“ kann in vier Phasen unterteilt werden. In der ersten Phase ging es um die Einnahme und Befreiung der syrischen Grenzstadt Jarabulus. Dabei zogen sich die IS-Kämpfer weitgehend kampffrei nach al-Bab zurück.[4] In einer zweiten Phase nahmen im September 2016 FSA-Kämpfer zirka 55 km weiter westlich von Jarabulus die syrische Grenzstadt al-Rai ein. Bereits im April und Juni versuchte die FSA al-Rai einzunehmen, scheiterten jedoch am Widerstand der IS-Kämpfer. Ende September startete die dritte Phase: die Einnahme der symbolträchtigen, aber strategisch unbedeutenden syrischen Kleinstadt Dabiq. Auch hier zogen sich die IS-Kämpfer ohne grossen Widerstand nach al-Bab zurück.[5] Mitte Oktober schliesslich startete die vierte Phase: Die Offensive zur Eroberung von al-Bab. Im Unterschied zu den vorhergehenden Phasen nahm, der Widerstand der IS-Kämpfer deutlich zu. Nachdem Vorstösse der FSA aus nördlicher Richtung gegen Ende November abgeblockt wurden, kreisten diese al-Bab zunehmend von Westen her ein, was die Offensive jedoch spürbar abbremste.

 

Die Verluste der türkischen Streitkräfte sind schwierig zu verifizieren. Diese beiden Panzer wurden vermutlich aufgegeben und nachträglich zerstört. Quelle: Below the Turret Ring

Die Verluste der türkischen Streitkräfte sind schwierig zu verifizieren. Diese beiden Panzer wurden vermutlich aufgegeben und nachträglich zerstört. Quelle: Below the Turret Ring

Bis in den Dezember hinein forderte die Operation “Schutzschild Euphrat” je nach Quelle 9-11 türkische Panzer, wobei jedoch keine Leopard-Panzer betroffen waren, das Leben von 18 türkischen Soldaten und von rund 300 FSA-Kämpfern.[6] Die Verluste stammen hauptsächlich von Kämpfen mit kurdischen Rebellen. Im Gegensatz dazu vermieden IS-Kämpfer in der Regel eine direkte Konfrontation mit den türkischen Streitkräften beziehungsweise. den FSA-Kämpfern und zogen sich nach al-Bab zurück. Al-Bab ist eine regionale Hochburg des IS und strategisch wichtig für ihn, um ein weiteres Vorrücken der türkischen Streitkräfte bzw. der FSA nach al-Raqqa zu verhindern. Vermutlich veranlasste der zunehmende Widerstand des IS in al-Bab die türkischen Streitkräfte anfangs Dezember dazu, das 1. Bataillon der 2. Gepanzerten Brigade mit ihren 45 Leopard 2 in al-Bab einzusetzen.[7]

 

Dass nun mit erheblich mehr Widerstand zu rechnen ist, zeigte sich beispielhaft am 21. Dezember 2016 – dem bis jetzt blutigsten Tag für die türkischen Streitkräfte, welche an der Operation “Schutzschild Euphrat” beteiligt sind. An diesem Tag wurden durch drei Selbstmordattentate in al-Bab 16 türkische Soldaten getötet.[8] Aufgrund von Bildaufnahmen ist es wahrscheinlich, dass dabei zwei türkische Leopard 2 von IS-Kämpfern in Besitz genommen werden konnten.[9] Doch das ist bloss die Spitze des Eisberges: Geleakte Dokumente zeigen auf, dass das in al-Bab eingesetzte Bataillon möglicherweise bis Ende Dezember zehn seiner Leopard 2 verloren hat, was einem Kampfkraftverlust von rund 20% entspricht. Als Panzerabwehr- Lenkwaffe werden von kurdischen Widerstandskämpfern primär US- amerikanische TOW-2A, von IS- Kämpfern russische 9K111 Fagot (AT-4 Spigot) oder 9K135 Kornet (AT-14 Spriggan) eingesetzt.[10]

 

Die IS-Propaganda weiss die Verluste der Türken geschickt auszunutzen. Es zeigt aber auch die taktischen Fehler der türkischen Armee auf, die Panzer praktische immer ohne Flankenschutz operieren lassen. Quelle: Twitter

Die IS-Propaganda weiss die Verluste der Türken geschickt auszunutzen. Es zeigt aber auch die taktischen Fehler der türkischen Armee auf, die Panzer praktische immer ohne Flankenschutz operieren lassen. Quelle: Twitter

Der Leopard 2A4 ist als Einzelkämpfer für den Kampf in überbautem Gelände ungeeignet

Der Leopard 2 besitzt zu Unrecht einen Unverwundbarkeitsmythos. Das grundlegende Design des Panzers stammt aus den 1970er-Jahren. Ausgerichtet auf die Bedürfnisse des Kalten Kriegs wurde dieser für eine Panzerschlacht konzipiert, bei welcher der Gegner aus der Bewegung frontal angegriffen wird. Um Gewicht zu sparen und die Mobilität zu erhöhen wurde die Panzerung an Seite und Heck weniger stark ausgelegt als an Wannen- und Turmfront. Die türkischen Streitkräfte haben mit der von ihnen eingesetzten Variante 2A4 genau diese Schwachstellen, welche – basierend auf den Bildern einiger zerstörten türkischen Leopard – ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Verhängnis wurden. Zwar könnte der 2A4 mit zusätzlicher Panzerung oder gar Aktivpanzerung ausgerüstet werden, doch würde dies den 60-Tonnen-Panzer noch schwerer machen. Die Aktivpanzerung wäre ausserdem ein nicht vertretbares Risiko für die um die Panzer eingesetzten Soldaten. Da im überbauten Gelände der Gegner nicht nur frontal, sondern aus Gebäuden heraus theoretisch von allen Seiten und von oben zuschlagen kann, ist der Leopard 2A4 in seiner Grundkonfiguration als Einzelkämpfer in überbautem Gelände nicht geeignet. Die Schwäche in der Panzerung wird erst mit dem Leopard 2A7+ behoben, welcher für den Kampf in überbautem Gelände konzipiert wurde und eine allumfassende Verbundpanzerung aufweisen soll.[11]

 

Zu den genannten Schwächen in der Panzerung kommt hinzu, dass die türkischen Panzerformationen taktisch schlecht trainiert sind. Die Panzer werden viel zu statisch und zu wenig geschützt in einer sogenannten „hull-down position“, bei der der Turm aber nicht die Wanne sichtbar ist, eingesetzt, was sie für Panzerabwehrlenkwaffen zu einem leichten Ziel machen. In einem Fall wurde ein Panzer getroffen, doch die Crew des zweiten Panzers reagierte darauf nicht. Als Mittel der Feuerunterstützung sollte ein Panzer von einem gesicherten Umfeld aus eingesetzt werden. Ist dies nicht möglich, muss er im Verband mit Begleitschutz in den Flanken vorstossen – der Panzer ist kein Einzelkämpfer. Eine solche Einsatzdoktrin konnte bei den türkischen Streitkräften weder beim M60T noch beim Leopard 2 während der Operation “Schutzschild Euphrat” beobachtet werden.[12]

 

Panzerabwehrlenkwaffen mit grosser Reichweite haben im Krieg in Syrien grosse Verbreitung gefunden. Der IS setzt dabei vor allem russische Modelle ein wie die Kornet E. (Abbildung zeigt den Werfer mit Zieloptik und der Lenkwaffe). Quelle: Wikipedia

Panzerabwehrlenkwaffen mit grosser Reichweite haben im Krieg in Syrien grosse Verbreitung gefunden. Der IS setzt dabei vor allem russische Modelle ein wie die Kornet E. (Abbildung zeigt den Werfer mit Zieloptik und der Lenkwaffe) Quelle: Wikipedia

Konsequenzen für die Schweizer Armee

Im aktiven Bestand der Schweizer Armee befinden sich momentan 134 Panzer 87 Leopard 2 WE (Werterhaltung). Abgesehen von einigen die Panzerung nicht betreffenden Modifikationen handelt sich dabei um kampfwertgesteigerte Leopard 2A4. Die Kampfwertsteigerung wurde im Rüstungsprogramm 2006 beantragt und kostete 395 Millionen Schweizer Franken. Sie zielte „auf eine Verbesserung der Führungsfähigkeit der Panzerverbände und -formationen sowie auf den Erhalt einer hohen Systemverfügbarkeit ab. Sämtliche Schutzkomponenten und die autarke Waffen- und Beobachtungsstation [wurden] nicht in die Werterhaltung einbezogen.“[13] Das heisst, dass die Panzer 87 Leopard WE der Schweizer Armee über gleiche Schwachstellen der Panzerung an Seite und Heck verfügen und somit im Alleingang ohne zusätzlichen Anpassungen nicht für den Kampf im überbauten Gelände geeignet sind. Neben Krauss-Maffei Wegmann, Rheinmetall/IBD Deisenroth bietet jedoch auch die RUAG eine aufrüstbare Zusatzpanzerung für den Leopard 2A4 an.[14]

 

Viele Bilder zeigen wie die Leopard 2-Panzer der Türken oft als direkt schiessende Artillerie in einer sogenannten «hull down»-Position eingesetzt werden. Quelle: Twitter

Viele Bilder zeigen wie die Leopard 2-Panzer der Türken oft als direkt schiessende Artillerie in einer sogenannten «hull down»-Position eingesetzt werden. Quelle: Twitter

Fazit

Auch heute ist der Leopard 2 ein tauglicher Panzer, wenn er für den Zweck eingesetzt wird, für den er ursprünglich konzipiert wurde: eine Schlacht Panzer gegen Panzer. Die in der Türkei verwendete Variante des Leopard 2 ist jedoch nicht für den eigenständigen stationären Kampf in überbautem Gelände geeignet. Falsche Doktrin, schlecht ausgebildete Besatzung und die Schwäche in der Panzerung an der Seite und am Heck machen den Leopard 2 zu einem lohnenden Ziel für Panzerabwehrlenkwaffen, über welche sowohl die kurdischen Rebellen wie auch die IS-Kämpfer verfügen. Will die Schweizer Armee den Panzer 87 Leopard 2 WE in überbautem Gelände einsetzen, ist sie gut beraten, die Lehren aus dem Einsatz des Leopard 2 in der Operation “Schutzschild Euphrat” zu ziehen und womöglich die Flotte mit einer besseren Rundum-Panzerung nochmals kampfwertzusteigern.

Patrick Truffer besitzt einen Bachelor in Staatswissenschaften von der ETH Zürich und schliesst derzeit seinen Master in internationalen Beziehungen an der Freien Universität Berlin ab. Dieser Artikel erschien in einer früheren Fassung auch auf offiziere.ch.

[1]          Agence France-Presse, „Turkish Tanks Enter Syria to Open New Front against Islamic State“, The Telegraph, 03.09.2016, http://www.telegraph.co.uk/news/2016/09/03/turkish-tanks-enter-syria-to-open-new-front-against-islamic-stat/, besucht: 29.01.2016.

[2]          Dylan Malyasov, „Two Turkish Leopard-2 Main Battle Tanks Were Destroyed in Syria“, Defence Blog, 14.12.2016, http://defence-blog.com/army/two-turkish-leopard-2-main-battle-tanks-were-destroyed-in-syria.html, besucht: 29.01.2016; „Leopard 2 in Syria“, Below The Turret Ring, 15.12.2016, http://below-the-turret-ring.blogspot.com/2016/12/leopard-2-in-syria.html, besucht: 29.01.2016.

[3]          „Er galt als unzerstörbar: In Syrien wird ein Panzer-Mythos zerstört“, FOCUS Online, 12.01.2017, http://www.focus.de/politik/videos/schwachstelle-entdeckt-verluste-in-syrien-ein-deutscher-panzer-mythos-wird-jetzt-zerstoert_id_6487678.html, besucht: 29.01.2016.

[4]          „Syria: Turkish-Backed Rebels ‚Seize‘ Jarablus from ISIL“, Al Jazeera, 24.08.2016, http://www.aljazeera.com/news/2016/08/syria-turkish-backed-rebels-seize-jarablus-isil-160824162712114.html, besucht: 29.01.2016.

[5]          „Syria Conflict: IS ‚Ousted from Symbolic Town of Dabiq'“, BBC News, 16.10.2016, http://www.bbc.com/news/world-middle-east-37670998, besucht: 29.01.2016.

[6]          „Turkish Military Intervention in Syria (Footnote 84)“, Wikipedia, 20.12.2016, https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Turkish_military_intervention_in_Syria&oldid=755757077#cite_note-82, besucht: 29.01.2016.

[7]          Shoreshger, „TAF Armor Losses in Al-Bab in Recent Clashes“, Reddit – Syrian Civil War, Dezember 2016, https://www.reddit.com/r/syriancivilwar/comments/5jw89a/taf_armor_loses_in_albab_in_recent_clashes/, besucht: 29.01.2016; „Leopard 2 in Syria“, Below the Turret Ring.

[8]          Selcan Hacaoglu and Firat Kozok, „Jihadists Kill 16 Troops in Turkey’s Deadliest Day in Syria“, Bloomberg, 21.12.2016, https://www.bloomberg.com/news/articles/2016-12-21/clashes-kill-14-troops-in-turkey-s-deadliest-day-so-far-in-syria, besucht: 29.01.2016.

[9]          Leith Fadel, „Turkish Army Offensive Takes Disastrous Turn in East Aleppo as Slain Soldiers Litter Battlefield“, AMN – Al-Masdar News, 22.12.2016, https://www.almasdarnews.com/article/turkish-army-offensive-takes-disastrous-turn-east-aleppo-slain-soldiers-litter-battlefield/, besucht: 29.01.2016.

[10]         Jeff Jager, „Turkey’s Operation Euphrates Shield: An Exemplar of Joint Combined Arms Maneuver“, Small Wars Journal, 17.10.2016, http://smallwarsjournal.com/jrnl/art/turkey%E2%80%99s-operation-euphrates-shield-an-exemplar-of-joint-combined-arms-maneuver, besucht: 29.01.2016; „Tank Fiasco Turkey: Posted a New Photo to lost ‚Leopards'“, Latest World News, 25.12.2016, http://en.news-original.ru/tank-fiasco-turkey-posted-a-new-photo-to-lost-leopards.html, besucht: 29.01.2016,.

[11]         „Er galt Als Unzerstörbar“, FOCUS online.

[12]         „Leopard 2 in Syria“, Below the Turret Ring.

[13]         Schweizerischer Bundesrat, Botschaft über die Beschaffung von Armeematerial (Rüstungsprogramm 2006), 24. Mai 2016, S. 39. https://www.newsd.admin.ch/newsd/message/attachments/2811.pdf.

[14]         „Leopard Solutions“, RUAG, offline.

Veröffentlicht unter VSN-Bulletin