Nordkorea – leben mit dem Status Quo

Patrick Truffer

Am 9. September 2016 führte Nordkorea den fünften Atombombentest durch. Dabei handelt es sich um die bis jetzt stärkste Detonation im Rahmen der nordkoreanischen Testreihe (Schätzungen liegen zwischen 10-20 kT).[1] Doch das ist nicht die einzige besorgniserregende Entwicklung: Gleichzeitig zum Nuklearwaffenprogramm, werden auch die Trägersysteme weiterentwickelt. So führte Nordkorea am 22. Juni 2016 einen erfolgreichen Test seiner neuen Mittelstreckenrakete Hwasong-10 durch, welche mit einem nuklearen Sprengkopf bis zu 3’500 km erreichen könnte (ein weiterer Raketen-Test am 25. Oktober 2016 war jedoch nicht erfolgreich).[2] Damit könnte der wichtige U.S. Militärstützpunkt Guam im Einsatzbereich dieser Waffe liegen. Schätzungen gehen davon aus, dass Nordkorea in rund 10 Jahren über eine interkontinentale Trägerrakete verfügen wird.[3]

 

Die vorgebliche Unberechenbarkeit des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-un, die Verfügbarkeit von nuklearen Sprengköpfen sowie eines Trägersystems könnten langfristig eine direkte Bedrohung der USA darstellen. Es stellt sich deshalb die Frage, wie die USA mit dieser sich abzeichnenden Bedrohung umgehen und welche Rolle dabei China spielt?

 

Der Weg zu einer Atommacht

Nordkorea gehört zu denjenigen Staaten, die sich schon sehr früh für Nuklearwaffen interessiert haben. Ab 1956 konnten nordkoreanische Wissenschaftler in der Sowjetunion am Joint Institute for Nuclear Research in Dubna in der Nähe von Moskau erste Erfahrungen sammeln. Bis in die 1980er-Jahre hinein wurden dort insgesamt 120-150 Nordkoreaner ausgebildet. Im September 1959 schliesslich schloss die Sowjetunion mit Nordkorea eine Vereinbarung zur nuklearen Kooperation ab, vermutlich als Reaktion auf eine ähnliche Vereinbarung zwischen den USA und Südkorea im Juli des gleichen Jahres. Ab 1962 unterstützte die Sowjetunion Nordkorea beim Aufbau der kerntechnischen Anlagen in Nyŏngbyŏn und lieferte dazu einen 4 Megawatt (MWe) Leichtwasserreaktor zu Forschungszwecken. 1985 wurde von der Sowjetunion ein weiterer Nuklearreaktor in Aussicht gestellt, wenn Nordkorea den Atomwaffensperrvertrag unterschreibt.[4] Trotz Nordkoreas Einwilligung wurde der Reaktor jedoch nie geliefert. Es scheint, dass die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion aufgrund der politischen Umwälzungen gegen Ende der 1980er-Jahre zu einem Stillstand gekommen war. Dies ist auch der Grund dafür, dass Russland heute keinen Einfluss mehr auf das nordkoreanische Regime geltend machen kann.[5] Dies hat das nordkoreanische Regime an der Weiterentwicklung von Nuklearwaffen jedoch nicht abgehalten. Bereits 1986 ging der erste eigene Atomreaktor (5 MWe) mit dem Ziel der Herstellung von Plutonium in Betrieb. Kurz darauf begannen die Arbeiten an einem 50 MWe bzw. einem 200 MWe Reaktor, welche jedoch beide nicht fertiggestellt wurden. Wären alle drei Reaktoren funktionell, könnte Nordkorea genügend Plutonium für rund 50 Atombomben pro Jahr herstellen.[6]

Das Satellitenbild vom 16. Januar soll zeigen, dass Nordkorea den Betrieb des 5MWe Plutonium-Reaktors wieder in Betrieb genommen hat. Damit ist es in der Lage Plutonium für 5-6 Sprengköpfe im Jahr herzustellen. © CNES 2017 via 38north.org

Das Satellitenbild vom 16. Januar soll zeigen, dass Nordkorea den Betrieb des 5MWe Plutonium-Reaktors wieder in Betrieb genommen hat. Damit ist es in der Lage Plutonium für 5-6 Sprengköpfe im Jahr herzustellen. © CNES 2017 via 38north.org

1994 gingen die USA davon aus, dass Nordkorea in seinem 5 MWe Reaktor genügend Plutonium produziert hatte, um damit 5-6 nukleare Sprengsätze zu bauen. Zu dieser Zeit planten die USA einen Luftschlag mit konventionellen Präzisionsbomben auf den Reaktor um den Ausbau der mit Plutonium angereicherten Brennstäbe zu verhindern.[7] Es kam jedoch anders: Dank den diplomatischen Bemühungen des früheren US-Präsidenten Jimmy Carter konnte 1994 das Genfer Rahmenabkommen zwischen den USA und Nordkorea abgeschlossen werden. Darin wurde vereinbart, dass Nordkorea die drei auf dem Magnox-Design beruhenden, Plutonium produzierenden Reaktoren im Austausch gegen zwei durch die USA gesponserte 1’000 MWe Leichtwasserreaktoren, welche zur Produktion von waffenfähigem Nuklearmaterial ungeeignet waren, unmittelbar aufgeben würde.[8] Zur Kompensation der dadurch ausfallenden Stromproduktion sollten die USA die Lieferung einer äquivalenten Menge Öl finanzieren, bis die beiden Leichtwasserreaktoren ans Netz gehen würden. Darüber hinaus verpflichtete sich Nordkorea im Atomwaffensperrvertrag zu verbleiben und dessen Auflagen zu erfüllen. Langfristig war eine Normalisierung der Beziehungen zwischen den USA und Nordkorea vorgesehen, welche mit der Etablierung diplomatischer Beziehungen und dem Abbau der Sanktionen einhergehen sollte. Negative Sicherheitsgarantien durch die USA und das Engagement in einem nord-südkoreanischen Sicherheitsdialog rundeten das Rahmenabkommen ab. Die Umsetzung scheiterte jedoch 2003 an der ungenügenden Finanzierung und der damit verbundenen Verzögerung durch den Widerstand des U.S. Kongresses sowie den Auseinandersetzungen zwischen den USA und Nordkorea über ein angeblich verdecktes Urananreicherungsprogramm. Schliesslich zog sich Nordkorea 2003 definitiv aus dem Atomwaffensperrvertrag zurück. Als Reaktion darauf starteten 2004 die Sechs-Parteien-Gespräche zwischen Nordkorea, Südkorea, China, Japan, den USA und Russland, welche 2009 von Seiten Nordkoreas abgebrochen wurden, nachdem die Vereinten Nationen weitere Sanktionen als Reaktion auf einen nordkoreanischen Raketentest verhängt hatten.[9] Anfangs 2016 schätzte das SIPRI, dass Nordkorea über rund 10 nukleare Sprengköpfe verfügt, wobei deren operationeller Status unbekannt ist.[10] Spätestens mit dem Atombombentest anfangs September 2016 scheint es keinen Zweifel mehr zu geben, dass Nordkorea wenigstens theoretisch in den Club der Nuklearwaffen besitzenden Staaten eingetreten ist.

 

Stand des nordkoreanischen Raketenprogramms

Das nordkoreanische Raketenprogramm basierte ursprünglich auf dem Design der sowjetischen Scud-B Kurzstreckenraketen, welches in den 1980er-Jahren von Ägypten erworben werden konnte.[11] So ist die Hwasong-5 eine Kopie der Scud-B und weist mit einer Reichweite von 300 Kilometern bei einer Nutzlast von 1’000 Kilogramm die gleichen Leistungsdaten auf. Die Hwasong-6 hingegen stellt eine Kopie der Scud-C dar, welche mit einer Nutzlast von 730 Kg rund 500 Km erreichen kann. Erst mit der Nodong und später der Hwasong-10 kam eine neuere Technologie zur Anwendung. An deren Entwicklung waren sowjetische Ingenieure des Makeyev Rocket Design Bureau, die sich wegen des Zusammenbruchs des Ostblocks und der sowjetischen Rüstungsindustrie in den Dienst Nordkoreas gestellt hatten, massgeblich beteiligt. Die Nodong erreicht mit einer Nutzlast von 1’000 Kg rund 900 Km. Die Hwasong-10 basiert auf der R-27 Zyb, einer sowjetischen U-Boot-gestützten Mittelstreckenrakete.[12] Als potentielle Interkontinentalrakete entwickelte Nordkorea die dreistufige Taepodong-2, bei der angenommen wird, dass sie 1’000-1’500 Kg rund 4’000-8’000 Km transportieren kann und teilweise auf Scud-Technologie zurückgreift.[13] Die KN-08, welche in verschiedenen Ausführungen als Modelle an den Militärparaden 2013 bzw. 2015 zu sehen war, basiert beim Antrieb der ersten Stufe ebenfalls auf der Scud-Technologie, die zweite Stufe jedoch auf der R-27-Technologie. Schätzungen gehen davon aus, dass die Nutzlast 400 Kg beträgt, welche über rund 9’000 Km ins Ziel gebracht werden könnte. Es fanden noch keine Test-Flüge statt und ein operationeller Einsatz wird erst in etwa 10 Jahren erwartet.[14]

Im April 2016 testete Nordkorea eine U-Boot gestützte Rakete. Quelle: KCNA via offiziere.ch

Im April 2016 testete Nordkorea eine U-Boot gestützte Rakete. Quelle: KCNA via offiziere.ch

Verhandlungsstrategie 1: Denuklarisierung

Verhandlungen zwischen den USA und Nordkorea sind mit einigen Hürden versehen. Auf der Seite der USA kommen Verhandlungen nur dann in Frage, wenn basierend auf der gemeinsamen Erklärung anlässlich der vierten Runde der Sechs-Parteien-Gespräche in Peking am 19. September 2005 Nordkorea die ersten Schritte zur Denuklarisierung einleitet und wieder dem Atomwaffensperrvertrag beitritt.[15] Aus Sicht der USA darf das erpresserische Verhalten und das Nichteinhalten von Vereinbarungen nicht durch U.S.-amerikanische Zugeständnisse honoriert werden. Nicht nur wäre dies international und gegenüber Südkorea und Japan ein falsches Signal, sondern auch innenpolitisch kaum zu verkaufen.

 

Auf Seiten Nordkoreas kommt eine Denuklarisierung nach dem erfolgreichen Atombombentest vom 9. September 2016 kaum mehr in Frage. Basierend auf dem hohen Mistrauen gegenüber den USA spielen die Nuklearwaffen als Sicherheitsgarantie eine wichtige Rolle. Unter Kim Il-sung und Kim Jong-il war das Nuklearwaffenprogramm ein Faustpfand zur Normalisierung der Beziehungen mit den USA. Das scheint unter Kim Jong-un jedoch nicht mehr der Fall zu sein und eine Normalisierung der Beziehungen ist langfristig utopisch.[16] Ausserdem ist fraglich, ob das derzeitige Regime überhaupt an einer Entspannung der Beziehungen interessiert ist. Nicht nur können bestehende Missstände den USA mittels Propaganda angelastet werden, sondern das Regime legitimiert sich mit der Schutzfunktion gegenüber einer angeblichen US-Aggression.[17] Es ist deshalb höchst unwahrscheinlich, dass Nordkorea einer Denuklarisierung zustimmt – daran werden weder Sanktionen noch weitreichende Zugeständnisse etwas ändern.

 

Verhandlungsstrategie 2: Festlegung einer Höchstzahl und Einfrieren des Raketenprogramms

Wird davon ausgegangen, dass der nukleare Flaschengeist nicht mehr in die Flasche zurückgedrängt werden kann, so muss ein der Realität angepasstes Ziel anvisiert werden. Zur Befriedigung der eigenen Sicherheitsbedürfnisse könnte Nordkorea eine gewisse Höchstzahl von Nuklearsprengköpfen zugestanden werden, welche den USA aufgrund des Raketenschutzschildes nicht gefährlich werden könnten.[18] Damit verbunden wäre eine „three noes policy“: keine Weiterentwicklung von Nuklearwaffen (auch keine Atombombentests), kein Transfer von Nuklearwaffen an andere Staaten und kein (Erst-?)Einsatz von Nuklearwaffen. Damit würde eine ähnliche Verhandlungsstrategie gewählt werden, wie sie bereits im Falle Irans erfolgreich umgesetzt werden konnte.[19] Nordkorea würde diese Verhandlungsstrategie im Gegensatz zur Denuklarisierung wahrscheinlich akzeptieren. Seit Anfang 2015 hat das nordkoreanische Regime mehrmals ein Aussetzen der Atombombentests angeboten, sollten die USA im Gegenzug auf die grossen jährlich stattfindenden Militärmanöver mit Südkorea verzichten.[20]

 

Weiter könnte ein Einfrieren des Raketenprogramms in die Verhandlungen miteinbezogen werden, so dass Nordkorea mit den gebilligten Nuklearsprengköpfen das U.S. Festland nicht erreichen könnte. Natürlich können Südkorea und Japan nicht dem eigenen Schicksal überlassen werden und bedürften eines durch die USA gesicherten Raketenschutzschildes. Der Teufel liegt jedoch im Detail: Die Höchstzahl der Nuklearsprengköpfe müsste aus nordkoreanischer Sicht auf einer Höhe angesetzt werden, bei der im Falle einer Invasion die Raketenschutzschilde überwunden werden könnten – ansonsten hätte diese Sicherheitsgarantie für Nordkorea keinen praktischen Nutzen. Eine solche Höchstzahl ist jedoch für die USA und ihre Alliierten kaum akzeptierbar. Ausserdem müssten die USA logischerweise auf die Denuklarisierung als Vorbedingung für die Aufnahme von Verhandlungen verzichten, was innenpolitisch schwierig vermittelbar wäre. Gegner dieser Strategie würden nicht zu Unrecht kritisieren, dass mit der de-facto-Anerkennung Nordkoreas als Atommacht nicht nur Nordkorea als Gewinner aus der Vereinbarung gehen und ein erpresserisches Regime damit belohnt werden würde, sondern dass damit das nukleare Nichtverbreitungsregime ausgehebelt würde. Insbesondere im Nahen Osten könnten andere Staaten zu einem ähnlich waghalsigen Unterfangen motiviert werden.

Trotz wirtschaftlicher Misere, Hunger und Energieengpässen ist der koreanische Führer unangefochtener Herrscher über das Land. Ein Umsturz hätte unabsehbare Folgen für die gesamte Region. Quelle: offiziere.ch

Trotz wirtschaftlicher Misere, Hunger und Energieengpässen ist der koreanische Führer unangefochtener Herrscher über das Land. Ein Umsturz hätte unabsehbare Folgen für die gesamte Region. Quelle: offiziere.ch

Sanktionen und Regime-Kollaps

Wenn eine direkte Verhandlungsstrategie zwischen den USA und Nordkorea nicht erfolgversprechend erscheint, so vielleicht ein indirekter Weg über einen Vermittlerstaat, der von Seiten der USA respektiert wird und auf Nordkorea genügend Einfluss haben könnte. Hier kommt eigentlich nur China in Frage. Die Abstimmungen im UN-Sicherheitsrat zeigen, dass China an keiner nuklearen Aufrüstung Nordkoreas Interesse hat.[21] Ob sich China jedoch vollumfänglich an die UN-Sanktionen hält, ist fraglich, denn China macht etwas noch mehr Sorgen als ein nukleares Nordkorea: ein vollständiger Kollaps des Regimes.[22] Ein solcher Kollaps könnte den Ausbruch eines Krieges auf der koreanischen Halbinsel, massive Flüchtlingsströme in die chinesischen Grenzprovinzen und den Import von Unruhen bedeuten. Ausserdem würde China im Falle einer Wiedervereinigung Koreas unter der Führung Südkoreas einen anti-amerikanischen Pufferstaat verlieren und gleichzeitig mit einem selbstbewussten US-Alliierten konfrontiert werden. Mit dem Zugang zu den nordkoreanischen Bodenschätzen wäre es damit auch vorbei.[23] Durch den von China als US-amerikanische Eindämmungsstrategie wahrgenommenen „Pivot to East Asia“ ist das Vertrauen Chinas in die USA auch nicht derart gestärkt, dass China das Risiko eines solchen möglichen Szenarios auf sich nehmen möchte.[24] Noch strengere Sanktionen — auch unilateral durch die USA und deren Alliierten — sind zwar möglich, werden aber ohne konsequente Durchsetzung von Seiten Chinas den gewünschten Effekt nicht erzielen.

 

Die US-amerikanische Hoffnung, dass das nordkoreanische Regime mittelfristig kollabieren und sich damit das Problem von alleine lösen könnte, ist unrealistisch. Nicht nur ist die Bevölkerung an die spärlichen Lebensbedingungen gewöhnt, sie ist auch über mindestens drei Generationen international isoliert und mit einer staatlichen Ideologie indoktriniert, welche die Kim-Dynastie über alles stellt und die Schuld für die schlechten Lebensbedingungen allein den USA zuschiebt.[25] Ein Aufstand von Seiten der Bevölkerung ist deshalb unwahrscheinlich. Ausserdem hat Kim Jong-Un seit seiner Machtübernahme im Dezember 2011 seine Position konsolidiert und sich die Rückendeckung durch die Streitkräfte gesichert. Ein Regimewechsel heisst übrigens nicht automatisch, dass dadurch das Problem der Nuklearwaffen und der Trägerraketen gelöst, und das Verhältnis zu den USA besser wäre.[26] Im Gegenteil könnte sich die Situation durch Proliferation in andere Staaten und an Terrororganisationen unkontrolliert verschlechtern. Damit stellt der Kollaps des nordkoreanischen Regimes nicht nur für China, sondern auch für die USA ein hohes, nicht kalkulierbares Risiko dar und ist somit nicht in deren Interesse.

Die Botschaften des Regimes in Pjöngjang sind nicht immer einfach zu interpretieren. Sicher scheint nur, dass ein nukleares Nordkorea eine Tatsache und somit nicht mehr zu verhindern ist. © Chappatte/International Herald Tribune

Die Botschaften des Regimes in Pjöngjang sind nicht immer einfach zu interpretieren. Sicher scheint nur, dass ein nukleares Nordkorea eine Tatsache und somit nicht mehr zu verhindern ist. © Chappatte/International Herald Tribune

Was bleibt: Leben mit dem Status Quo

Sowohl Verhandlungen, wie auch Sanktionen oder die falsche Hoffnung auf einen Regime-Kollaps werden langfristig am Status Quo kaum etwas ändern. Eine militärische Option kommt nicht in Frage; zu hoch ist das Risiko eines zweiten Koreakriegs, bei dem eine unkontrollierte Eskalation bis hin zum Einsatz von Nuklearwaffen nicht ausgeschlossen werden könnte. Ein solches Szenario hätte verheerende Folgen für den gesamten nordostasiatischen Raum, womöglich sogar für die ganze Welt.[27]

 

Den USA und deren Alliierten wird deshalb keine andere Wahl bleiben als sich mit dem Status Quo – das heisst einem nuklearisierten Nordkorea mit interkontinentalen Trägerraketen – abzufinden. Das bedeutet auch, dass der Raketenschutzschild über US-amerikanischem Territorium sowie über den US-Alliierten weiter ausgebaut werden muss und dass die USA über eine glaubhafte, massive Vergeltungskapazität verfügen müssen. So abgesichert liesse es sich gut mit dem Status Quo leben, insbesondere, wenn davon ausgegangen wird, dass sich das nordkoreanische Regime rational verhält.[28] Kim Jong-Un wird durchaus bewusst sein, dass ein Ersteinsatz von Nuklearwaffen das Ende seiner Herrschaft bedeuten würde – sei es durch eine Invasion oder gar durch einen nuklearen Vergeltungsschlag.

 

Patrick Truffer besitzt einen Bachelor in Staatswissenschaften von der ETH Zürich und schliesst derzeit seinen Master in internationalen Beziehungen an der Freien Universität Berlin ab. Dieser Artikel erschien in englischer Sprache auch auf offiziere.ch.

[1]          “North Korea Claims Success in Fifth Nuclear Test”, BBC News, 9. September 2016, http://www.bbc.com/news/world-asia-37314927, besucht: 27. November 2016.

[2]          Ankit Panda, „North Korea’s Musudan Missile Test Actually Succeeded. What Now?“, The Diplomat, 23. Juni 2016, http://thediplomat.com/2016/06/north-koreas-musudan-missile-test-actually-succeeded-what-now/, besucht: 27. November 2016.

[3]          Denny Roy, „Preparing for a North Korean Nuclear Missile“, Survival 58, Nr. 3 (Mai 2016), 134.

[4]          Directorate of Intelligence, „North Korea: Potential for Nuclear Weapon Development“, September 1986, 17; Directorate of Intelligence, „North Korea’s Nuclear Efforts“, 28. April 1987, 3; Für mehr Informationen: Robert A. Wampler, „North Korea and Nuclear Weapons: The Declassified U.S. Record“, National Security Archive Electronic Briefing Book No. 87, The National Security Archive, 25. April 2003, http://nsarchive.gwu.edu/NSAEBB/NSAEBB87/, besucht: 27. November 2016.

[5]          Roy, „Preparing for a North Korean Nuclear Missile“, 133.

[6]          Richard Stone, „North Korea’s Nuclear Shell Game“, Science 303, Nr. 5657 (23. Januar 2004): 453.

[7]          „Interview: Ashton Carter“, Frontline, 3. März 2003, http://www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/shows/kim/interviews/acarter.html, besucht: 27. November 2016; Bruce Cumings, „Getting North Korea wrong“, Bulletin of the Atomic Scientists 71, Nr. 4 (Juli 2015): 68f.

[8]          Stone, «North Korea’s Nuclear Shell Game», 453.

[9]          Mark Landler, „North Korea Says It Will Halt Talks and Restart Its Nuclear Program“, The New York Times, 14. April 2009, http://www.nytimes.com/2009/04/15/world/asia/15korea.html, besucht: 27. November 2016,.

[10]         Shannon N. Kile und Hans M. Kristensen, „Trends in World Nuclear Forces, 2016“, SIPRI Fact Sheet (Juni 2016), https://www.sipri.org/sites/default/files/FS%201606%20WNF_Embargo_Final%20A.pdf.

[11]         Mark Fitzpatrick, North Korean security challenges: a net assessment, London: International Institute for Strategic Studies, 2011, 129; Andrea Berger, „Disrupting North Korea’s Military Markets“, Survival 58, Nr. 3 (3. Mai 2016), 104.

[12]         Fitzpatrick, North Korean security challenges, 130ff.

[13]         Joseph S. Bermudez, „A history of ballistic missile development in the DPRK“, Occasional Paper 2, Monterey Institute of International Studies, Center for Nonproliferation Studies, 1999, 26.

[14]         John Schilling, Jeffrey Lewis, und David Schmerler, „A New ICBM for North Korea?“, 38 North, 22. Dezember 2015, 2, http://38north.org/wp-content/uploads/2015/12/38-North_ICBM-Report122215.pdf.

[15]         „Joint Statement of the Fourth Round of the Six-Party Talks Beijing, September 19, 2005“, https://www.state.gov/p/eap/regional/c15455.htm, besucht: 27. November 2016.

[16]         Roy, „Preparing for a North Korean Nuclear Missile“, 131.

[17]         Vgl.: B.R. Myers, „Taking North Korea at its word“, NK News, 13. Februar 2016, https://www.nknews.org/2016/02/taking-north-korea-at-its-word/, besucht: 27. November 2016.

[18]         Roy, „Preparing for a North Korean Nuclear Missile“, 137f.

[19]         Dingli Shen, „North Korea, Nuclear Weapons, and the Search for a New Path Forward: A Chinese Response“, Bulletin of the Atomic Scientists 72, Nr. 5 (2. September 2016): 345; Roy, „Preparing for a North Korean Nuclear Missile“, 138.

[20]         Vgl.: Jon Min Dok, „Suspend the U.S.-South Korea joint military exercises for peace“, NK News, 15. März 2016, https://www.nknews.org/2016/03/suspend-the-u-s-south-korea-joint-military-exercises-for-peace/, besucht: 27. November 2016; „N. Korea’s Kim hails ’successful‘ submarine missile test“, AFP, 24. April 2016, https://www.yahoo.com/news/north-koreas-kim-hails-successful-submarine-missile-test-031123917.html, besucht: 27. November 2016; Chung-in Moon, „North Korea, Nuclear Weapons, and the Search for a New Path Forward: A South Korean Response“, Bulletin of the Atomic Scientists 72, Nr. 5 (2. September 2016), 344.

[21]         China hat beispielsweise am 2. März 2016 für die Resolution 2270 des UN Sicherheitsrates gestimmt, welche als Antwort auf den 4. nordkoreanischen Atombombentest verabschiedet wurde und weitgehende wirtschaftliche Sanktionen beinhaltet. UN Security Council, Resolution 2270 (2016), 2. März 2016. Vgl.: Kim Dae-gi, „Wu Dawei says ‚N. Korea signed its own death warrant'“, Pulse by Maeil Business News Korea, 3. März 2016, http://pulsenews.co.kr/view.php?year=2016&no=168073, , besucht: 27. November 2016.

[22]         Jane Perlez, „Few Expect China to Punish North Korea for Latest Nuclear Test“, The New York Times, 11. September 2016, https://www.nytimes.com/2016/09/12/world/asia/north-korea-china-nuclear-sanctions-thaad-america.html, besucht: 27. November 2016.

[23]         Roy, „Preparing for a North Korean Nuclear Missile“, 143.

[24]         Siehe dazu auch: Patrick Truffer, „Der U.S. «Pivot to East Asia»“, VSN Bulletin 2016, Nr. 4, S. 1-6.

[25]         Vgl.: Cumings, „Getting North Korea wrong“, 70f.

[26]         Ebd., 64; Roy, „Preparing for a North Korean Nuclear Missile“, 133ff.

[27]         „Interview: Ashton Carter“; Cumings, „Getting North Korea wrong“, 68f; Moon, „North Korea, Nuclear Weapons, and the Search for a New Path Forward“, 343f.

[28]         „Kim Jong-un: North Korea is a responsible nuclear state“, Al Jazeera, 8. Mai 2016, http://www.aljazeera.com/news/2016/05/north-korea-nuclear-weapons-160508040813994.html, , besucht: 27. November 2016.

Veröffentlicht unter VSN-Bulletin